Podcasts – Entwicklung, Eliten, Eigenheiten

Zu erzählen, dass man jetzt Podcasts macht fühlt sich komisch an. Blicke, deren Ursprung sowohl in der Verständnislosigkeit ob des Begriffes als auch in zu hoch gesetzten und im Vorfeld enttäuschten Erwartungen liegen könnten. Doch müssen da zwei ganz klare Gruppen unterschieden werden – so wie immer: die Kenner und die Neulinge. Oder sind es doch nur die Kenner?

Warum nicht einfach mal ehrlich sein? Wir müssen reden! Podcasts entwickeln sich in eine Richtung, die immer professioneller wird und den Einstieg von Stufe zu Stufe komplexer und schwieriger macht. Podcasten wird zur Wissenschaft und verliert seine Leidenschaft. Selbstverständlich lässt sich auf Grund der Passion zu den einzelnen Themengebieten und der Vielfalt eben dieser nicht von leidenschaftslosen Aufnahmen sprechen, doch lag der Fokus durchaus mal auf Low-Level-Unterhaltung von Nerds für Nerds.

Meine ersten Berührungen mit Podcasting in passiver Form machte ich im März 2008 mit Bitsundso, wonach recht schnell CRE (damals noch Chaosradio Express) folgen sollten. Insbesondere bei BUS hat mich die Schnoddrigkeit und Unprofessionalität der Beteiligten umgehauen und ich konnte mich sehr gut in den Kreis der Protagonisten einfinden, die einfach mal über meine Lieblingsthemen sprachen – Studenten mit Spaß am Fachsimpeln auf einem Level, das auch ich noch verstand.

Natürlich folgten in den folgenden Jahren noch unzählige Podcasts, aber zu 100% war ich nie wieder überzeugt. Woran könnte es liegen? Steigt mein Anspruch, steigt die Kommerzialisierung?

Wie schon angesprochen, befand ich mich bei BUS zu Beginn in einer illustren Gesprächsrunde einiger Studenten, die sich nicht zu schade waren, auch mal mit Singstar-Mikrofonen im Garten aufzunehmen. Recherche war nicht zwingend notwendig, Sponsoring passierte kaum. Apps wurden gekauft, Meinung gemacht.

Doch wann hörte das auf? Der Moment, der Podcasts für mich in einem anderen Licht präsentierte war definitiv die Einführung von Bitsundso Plus. Die Möglichkeit für den Lieblingspodcast zu bezahlen um Zusatzcontent zu erhalten –  Kapitelmarken, Preshow und Postshow, Livestream. Verpackt dann auch noch in der optionalen App für das iPhone für weitere €3,99. Quo vadis, Herr Hetzel? Ein gezielter Versuch, sich von den anderen Podcasts abzuheben, die um uns herum aus dem Boden schießen oder doch nur eine Möglichkeit, einer Kostenloskultur durch Monetarisierung von Freizeitfreuden vorzubeugen?

Zweifelsohne ist das Undsoversum neben der Meta-Ebene einer der größten und einflussreichsten Podcastquellen im deutschsprachigen Raum, doch sind die Ansätze so verschieden, wie sie nur sein können.

Tim Pritlove, der Pope of Podcasting, fährt einen komplett anderen Film, eine komplett andere Audiospur. Für ihn geht es um die Erweiterung der Möglichkeiten rund um das Thema Podcasting – neue Formate, Konzepte, Wege. Nicht zuletzt auch um die finanzielle Entlohnung des Aufwandes. Allerdings auf rein optionaler Basis ohne Zusatzleistung und auch um neue Technologien und Trends wie flattr populär und verbreiteter zu machen. Podcasting als Plattform endgültig zu etablieren, die Möglichkeiten auszureizen, Techniken zu verbessern. All das gipfelt in eine Vielzahl von Projekten, Initiativen und Ideen.

Doch kann das gut gehen? Nein. Pritloves Ansatz hat in den letzten Monaten ein Problem, das immer deutlicher herauskommt: Qualitätsverlust. Pritloves Sendungen werden zunehmend schlechter, uninteressanter und insbesondere er als Moderator fahriger und merklich müder. Sowohl in der Regelmäßigkeit der Aufnahmen, als auch in der Passion für die einzelnen Formate macht es sich bemerkbar, dass man sich wohl zuviel zugemutet hat, oder das ganze in der Stagnation gefangen ist.

Ist es da ein Wunder, dass diese insbesondere bei meinem absoluten Favoriten Not safe for Work am bemerkenswertesten war? Gerade hier wurde über Monate der Kontrast zwischen dem etablierten Tim und dem damaligen Podcast-Neuling Holgi immer deutlicher. Ein Unterschied der dann glücklichweise in der Gründung von WRINT endete. Natürlich ist zu bemerken, dass Holgi auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen beim Radio und der enormen Affinität zum Quatschen Labern Unterhalten Reden einen Vorsprung hat, der einen korrekten Wettbewerb nahezu unmöglich macht. Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung von WRINT eine Beobachtung, die von großer Neugier und Begeisterung meinerseits begleitet wurde.

WRINT ist für mich das Paradebeispiel einer neuen Generation von Podcasts, in die sich Produktionen von Nicolas Semak, Hoaxilla, den Wikigeeks und dutzenden vielen anderen eingereiht haben: Technisch hochwertig, thematisch gut erarbeitet und auf einer journalistische Ebene mehr als interessant. Der Inhalt steht im Fokus und eine gute bis herausragende Qualität ist die Basis eben dessen. Und all das ohne bezahlbaren Plus-Abo-Quatsch. 

Crowd-Sourcing als Lösung, doch Crowd-Urge als Problem. Die steigende Qualität der Produktionen macht den Hörer zwangsläufig in den letzten Monaten zum Konsumenten mit teilweise überzogenem Anspruch. Ein Anspruch der erfüllt wird. Wir erwarten stabile Livestreams, Kapitelmarken, unterschiedliche Dateiformate, Shownotes par excellence. Und bekommen sie. Denn gerade hierbei vermischen sich die Grenzen zwischen Konsument und Produzent. Projekte wie die Shownotes, die sich die Erstellung von Shownotes (welch Überraschung) für eine Vielzahl von Podcasts zur Aufgabe gemacht haben, sind Gold wert und bilden mittlerweile einen großen Stützpfeiler für die Qualität und den hohen Informationsgrad dieses Sendungsformates. Ebenso wie die Chats, die sich während der Live-Streams um die Informationen für die Protagonisten vor den Mikrofonen kümmert.

Crowdsourcing ist somit zu einem essentiellen Faktor geworden, dessen zwei Seiten der Medaille natürlich auch Probleme mit sich bringen. Und das gerade für junge, neue Podcasts. Wie soll eine fixe Idee, ein einfacher Geistesblitz mit diesem Maß an Qualität mithalten? Hätte die einzige Antwort auf die Frage “Wie machte ich denn meinen eigenen Podcast” vor ein paar Jahren noch gelautet “Du hast doch ein eingebautes Mikrofon und dann leg einfach los”, so ist sie mittlerweile zu einer Checkliste mutiert, in der eine Unmenge von Punkten im Vorfeld abzuarbeiten ist. Equipment, Frage nach dem Mikrofon, das richtige Plugin, eine Titelmusik, ein Konzept, das richtige Dateiformat und vieles mehr. Natürlich helfen hier Fachleute und Podcasts wie Der Lautsprecher und die Meinung und Erfahrung etablierter Sender. Aber nichtsdestotrotz bildet sich hieraus ein Stressfaktor, der den Einstieg mehr als erschwert.

So auch für mich. Ich war heiß auf dieses Projekt seit ich mich mehr mit Podcasting auseinandergesetzt habe, doch häuften sich die unbeantworteten Fragen und die Angst, mit diesem Projekt ein weiterer schlechter Sender zu werden, der nicht gehört oder gelesen wird.
Ich hoffe, dass ich einige Punkte der Liste abgearbeitet habe und dass die Qualität in den nächsten Episoden noch steigen wird, aber ich bin ebenso froh, dass der Punkt der Sorge langsam überschritten ist und ich das Projekt so genießen kann, wie es ist: als mein Projekt.

UPDATE:

Nach der Erwähnung von Tim bei ADN und der daraus erfolgten “Welle”, musste ich hier einfach etwas erklären

 

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10 Responses to Podcasts – Entwicklung, Eliten, Eigenheiten

Sven says: 29. Mai 2013 at 12:58

Also ich kann mich was die Eintrittsbarrieren zum Podcasting betrifft anschließen. Ich spiele seit gut einem Jahr mit dem Gedanken, einen eigenen Podcast zu starten. Inhaltlich habe ich mir dazu bereits einige Gedanken gemacht. Allerdings
kostet eine Podcastingausrüstung (auch wenn die Preise in den letzten
Jahren gefallen sein mögen), um mit dem State of the Art mitzuhalten,
auch nicht gerade wenig. Crowdfunding könnte dafür natürlich eine Lösung sein. Wer
allerdings mit dem Produktionsprozess noch keinerlei Erfahrungen
gesammelt hat und nach der dritten Sendung feststellt, dass er doch
lieber bloggt, scheut (sofern auch nur ein Hauch von Anstand und Moral
vorhanden) davor zurück dort für sein Projekt zu werben. Es
braucht eigentlich Podcasting-Spaces, wo der Zugang zu Technik und
Fachwissen vorhanden und für die Allgemeinheit zugänglich ist. Meines Wissens plant die Stadtbibliothek (hier in Köln) ein ähnliches Projekt.

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Faldrian says: 29. Mai 2013 at 13:12

So leicht lässt du dich von dem Vorhaben, einen Podcast zu machen, abbringen? Für mich ist eigentlich nur wichtig, dass ich bequem an die Podcast-Episoden komme (gute Abonnierbarkeit) und dass die Audioqualität stimmt (sollte halt wirklich nicht Furchtbar klingen, Mikrofon für 50€ sollte halt drin sein).
Was die ganzen Livedinge wie Chat, Shownotes, Streaming usw. angeht… das ist nur Bonus. So wie das Bitsundso Plus. Das gehört nicht zur Essenz des Podcasts. Ich höre den Podcast beim Abwaschen, beim Radfahren und Spazierengehen, bei Hausarbeit und Zugfahrten. Da habe ich kein Live-Erlebnis und das brauche ich nicht.

Viel wichtiger finde ich wirklich den Inhalt des Podcasts. Wenn die Teilnehmer und die Themen stimmen, passt das schon. Wobei ich das heute schwer finde, etwas zu finden, wozu es noch keinen Podcast gibt und das mich interessieren könnte. Das ist eher das größere Problem: Technisch sind wir quasi ermächtigt, haben die Möglichkeiten und die Umsetzung ist kein Problem mehr – aber es gibt schon so viel und das schüchtert doch ein wenig ein.

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18zehn says: 29. Mai 2013 at 13:16

Habe mich ja nicht abbringen lassen :) Immerhin sind seitdem schon ein Dutzend Folgen erschienen. Warum dieser Artikel jetzt (man achte auf das Datum) für Furore sorgt verstehe ich auch nicht.

Ich werde einige der Aspekte, die du ansprichst, in einer Erklärung noch verarbeiten, die ich dem – für diese Woche geplanten – Teil 2 des Artikels vorschieben werde.

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Faldrian says: 29. Mai 2013 at 13:19

Ach, der wurde von Tim wieder ausgegraben, deshalb jetzt. Habe nicht auf das Datum des Artikels geachtet, das sprang mir gar nicht so ins Auge. Hätte ich mal machen sollen. :)

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Markus Becker says: 29. Mai 2013 at 15:24

Ach, Gottchen. Nicht alle Hörerrinnen und Hörer (einschließlich) haben solch hochgeschraubte Erwartungen an die technische Qualität des Podcasts. Auf dem Smartphone unterwegs hören sich doch viele eh gleich an.
Ich mache meinen Podcast schon fast immer mit meinem guten, alten Zoom H2 (das – zugegeben – knapp 200 Euro gekostet hat) und den einzigen Qualitätssprung habe ich auphonic zu verdanken.
Allerdings hatte ich immer nur eine Handvoll Hörer und das hat sich bis jetzt nicht geändert.

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18zehn says: 29. Mai 2013 at 15:27

Um Gottes Willen, natürlich nicht alle! Es geht auch mehr um die innere Erwartungshaltung, also diese stetige Gefühl “es geht doch besser!”

Das hat natürlich jeder anderes, wenn überhaupt.

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Thomas says: 29. Mai 2013 at 21:58

Danke für Deine Überlegungen! Ich stimme Dir nicht in allem Punkten inhaltlich zu, aber ich begrüße es als Hörer, dass die Podcastszene Gegenstand von Überlegungen wird. Das hilft letztlich jedem. Man muss über das reden, wofür man sich begeistert.

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